Zwanglose Hundeerziehung

Zwanglose Hundeerziehung

„Wünschenswert“ oder „Nicht umsetzbar“?

Maria Hense schreibt

Die Frage, was vom Fragesteller mit dem vieldeutigen Begriff "Zwang" gemeint ist, möchte ich nicht diskutieren.

Wenn Hunde nicht auf der Strasse leben, sondern in Häusern und in gemischten Hund-Mensch-Gruppen, müssen sie sich anpassen. Da sie diese Anpassung nicht selbstständig tun, setzen wir erzieherische Mittel ein. Diese beruhem auf dem Aufbau von Alternativen und dem gezielten Einsatz von Frustration (negative Strafe). Sie müssen dem Leistungsstand der Hunde entsprechen und nach allen Regeln der Kunst angewendet werden. Dann werden solche Maßnahmen minimal sein. Trotzdem bedeuten sie "Zwang" (Beispiel: Das Führen an der Leine).

Härtere Massnahmen, die Leid (kurze Definition: Schmerzen, Angst oder übermäßige Frustration von Bedürfnissen) hervorrufen, sind nicht erlaubt. Das verbietet uns das Tierschutzgesetz: wir dürfen keine Maßnahmen anwenden, die Leid hervorrufen - wenn es andere effektive Maßnahmen gibt. Das es "softere" effektive Maßnahmen gibt, die erfolgreich und in vielen Fällen erfolgreicher sind, wird weltweit seit vielen Jahren bewiesen.

Wenn behauptet wird, "softere" Maßnahmen funktionieren nicht, dann zeigt das Unwissen.

Susanne Last meint

Das kommt ganz darauf an, was man unter „zwanglos“ und „Erziehung“ versteht und welches Ziel man damit verfolgt.

Das Wort „zwanglos“ ist wissenschaftlich nicht definiert, gemeint ist damit vermutlich das umgangssprachliche Wort der Gewaltfreiheit. Die Erziehung von Menschen zielt nach wissenschaftlichen Definitionen darauf ab, die Entwicklung einer Person, in der Regel das Kind zu fördern, seinen Geist und Charakter zu bilden, Lernprozesse bewusst und absichtlich herbeizuführen, um dauerhafte Veränderungen des Verhaltens gemäß dem Erziehungsziel zu erreichen.

Diese Veränderungen dienen dazu, dem Kind, dem Zögling Wertorientierungen und erwünschte Kompetenzen zu geben, die es in seiner sozialen Gesellschaft zu eigenständigem Handeln befähigen, seine, Selbständigkeit, das Verantwortungsgefühl und sein Selbstvertrauen fördern. Auf den Hund übertragen ist es die Frage, wie viel Selbständigkeit wir unserem eigenen Hund zugestehen wollen bzw. können. Der Hund lebt in einer lebenslangen Abhängigkeit, ihn zu formen unterliegt der Entscheidung, ob ich das in die Richtung tue, die ich als Mensch haben möchte, was nicht immer zum Vorteil des Hundes ist oder das erfülle, was der Hund von seiner biologischen Familie erwarten würde: Integration und soziale Anerkennung unter Berücksichtigung seiner Persönlichkeit und Grundkompetenz.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ich als Hundehalter erkennen muss, welches die hündischen Bedürfnisse sind und mich selber zurücknehmen muss, meine eigenen Bedürfnisse nicht auf Kosten des Hundes auszuleben, das wäre Machtmissbrauch, denn im Gegensatz zu uns hat der Hund keine Wahl.

Schaut man sich Hunde im sozialen Miteinander an, dann sieht man einige Verhaltensweisen, vor allem von erwachsenen älteren Tieren gegenüber jüngeren, die man als erzieherische Maßnahmen bezeichnen könnte. Die älteren, biologisch normalerweise mit den jüngeren verwandten Tieren, tun gut daran, diesen zu „erklären“, wie die Gruppe funktioniert, schließlich geht es darum, die eigenen Gene weiterzugeben und das klappt in der Evolution am Besten, in dem der eigene Nachwuchs (oder solche Artgenossen, mit denen ich einen Großteil meiner Gene teile) möglichst lange überlebt.

Das wiederum ist abhängig davon, wie angepasst das Verhalten an die (soziale) Umgebung ist. Mein Fazit ist: Erziehung ist eine soziale Interaktion mit dem Ziel, das Lebewesen in seiner Überlebenskompetenz zu fördern und in die soziale Gemeinschaft zu integrieren. Dies ist immer verbunden mit Grenzen, die gesetzt werden, was in der Empfindung und per Definition durchaus eine „Strafe“ sein kann.

Das Vorenthalten von einem Leckerchen ist nach den Lerntheorien auch schon eine negative Strafe. Wo Gewalt beginnt und endet liegt sehr subjektiv im Auge des Betrachters und desjenigen, dem Gewalt angetan wird. Was man im Tierreich aber immer wieder sieht und leider von Menschen oft genug nicht erkannt und selber umgesetzt wird ist:

Folgt eine erzieherische Maßnahme, vielleicht auch eine körperliche Maßregelung, besteht für den Zögling zu keinem Zeitpunkt der Zweifel daran, dass das Elterntier ihm seine uneingeschränkte Liebe zuteil werden lässt und auch weiterhin seine Bedürfnisse bedingungslos erfüllen wird. Es kommt nicht zu einem Vertrauensbruch und nach der Maßregelung erfolgt in der Regel prosoziales Verhalten.

Auch fällt auf, dass die Maßregelungen zwar sehr heftig ausfallen können, aber in der Regel einigermaßen emotionslos erfolgen. Wut oder Zorn ist nicht sichtbar – ganz im Gegensatz zu so manch maßregelnden Eltern oder Hundebesitzern, die ihren Frust an den ihn anvertrauten Schutzbefohlenen auslassen.. Und das hat mit Sicherheit Einfluss auf die Bindungsqualität.

Wir sollten den Hund nicht enthundlichen, weil wir seine Bedürfnisse ignorieren und unsere ausleben.

„Ein Hund ist immer
das Spiegelbild seines Menschen.“

© Oliver Jobes, Erziehungs- und Verhaltensberater